Wie und warum schreibe ich?

Ich bin Historikerin und Mutter von fünf Kindern.

Da ich für meine Kinder kaum Bücher über Deutsche Geschichte finden konnte, begann ich, selber welche zu schreiben; verständlich und schlicht für Menschen, die gerade anfangen, sich für die deutsche Vergangenheit zu interessieren.

2001 habe ich erzählerisch das Leben einer Nonne in der Reformationszeit aus ihren Schriften für den Verlag Beltz & Gelberg rekonstruiert, danach das Leben eines Hansekaufmanns im 16. Jahrhundert beschrieben.

Dann habe ich festgestellt, dass es das Gesamtverständnis von Geschichte erleichtert, bei den Menschen zu beginnen, die ihre Zeit entscheidend politisch gestaltet haben. Deswegen habe ich in den letzten Jahren für den Hanser-Verlag ein Buch verfasst, in dem anhand der Biographien von dreißig wichtigen Protagonisten ein Überblick über 2000 Jahre Deutscher Geschichte vermittelt wird. Zehn Kapitel dieses Buches haben meine Verwandten Hiltrun, Hans-Wilhelm und Nikolaus von Grünberg geschrieben. Meine Ko-Autoren haben wie ich schon beim Schreiben die beglückende Erfahrung gemacht, dass man Geschichte völlig anders betrachtet, wenn man sich anhand konkreter Lebensläufe in die vergangene Zeit hineindenkt. Geschichte erschließt sich nicht nur über Zeittafeln, Karten oder Schlachten, nicht über Daten und Grenzverläufe, sondern Geschichte erschließt sich zunächst über Geschichten: die Lebensgeschichten jener Menschen, die Geschichte gemacht haben.

Deutsche Geschichte in Lebensbildern

Dreißig Mal betrachtet dieses Buch den Verlauf eines Lebens von der Kindheit bis zum Tod. Es ist die Rede von dreißig Zeitgenossen vergangener Generationen, die jede auf ihre eigene Art die Mitte Europas geprägt haben. Mancher mag einwenden, dass man doch recht kurz springt, wenn man unsere Vergangenheit mit nur dreißig Lebensläufen glaubt angemessen beschreiben zu können. Schließlich können wir – geht man zurück bis zu den frühen Quellen – auf etwa 80 Generationen zurückblicken. Und,  jawohl, das ist auch so, da darf man keine Vollständigkeit erwarten.

Wer Menschen für die Geschichte gewinnen will, muss als allererstes den Mut zur Lücke haben und den Anspruch auf Vollständigkeit aufgeben. Die vollständige Berichterstattung schreckt eher ab. Interesse an Geschichte weckt man anders. Man schafft erst einmal eine grobe Orientierung. Einzelne Leuchttürme auf hoher See. Diese Leuchttürme, das sind die dreißig Lebensbeschreibungen. Von jedem Leuchtturm, den man bestiegen hat, erblickt man in der Ferne schon den nächsten. Und damit verschafft man sich den Überblick über das Ganze. Man kennt am Ende einzelne Lebensläufe, aber da diese Bezug aufeinander nehmen, da sie Stellvertreterfunktion haben, da sie über die lange Zeitspanne verteilt sind, vermitteln sie doch ein Gefühl fürs Ganze.

So ist dieses Buch sowohl eine Sammlung ausführlich betrachteter Lebensläufe als auch ein Buch über eine sich über einen großen Zeitraum erstreckende Entwicklung Mitteleuropas. Dieser aus der Zusammenschau entstehende große Zusammenhang ist es übrigens, den die von mir sehr geschätzte Wikipedia-Enzyklopädie nicht bieten kann, und der dennoch nötig ist für ein wirkliches Verständnis und einen weiten Blick auf die Deutsche Geschichte. Gut strukturiert, aber ohne viele Ablenkungen konzentriert sich das Buch die „Deutsche Geschichte in Lebensbildern“ über vierhundert Seiten auf dieses Ziel.